Maud Meyzaud (Frankfurt/M.): Räume der Entrechtung. Salcedo, Schlingensief und das Problem der Staatenlosen

Von Hannah Arendts bahnbrechenden Ausführungen in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ist der Befund zu datieren, dass die Lage der Flüchtlinge weniger temporär krisenhaft denn fester Bestandteil der modernen politischen Raumordnung Europas ist. Arendt analysiert dort, wie die Nationalstaatlichkeit den Flüchtling – den Staatenlosen – als Figur des Ausschlusses regelrecht produziert. Beide künstlerischen Arbeiten, die im Vortrag thematisiert werden – Christoph Schlingensiefs inzwischen geradezu kanonische Aktion Bitte liebt Österreich (2000) vor der Wiener Staatsoper, Doris Salcedos Installation Schibboleth (2007-2008) in der Tate Modern –, befragen kritisch diese politische Raumordnung auf das demokratische Versprechen uneingeschränkten Einschlusses hin, das derart systematisch verfehlt wird. Zwar werden in beiden Fällen aus theoretisch zwingenden Gründen – aufgrund der von Arendt analysierten Aporie, die am Menschenrecht haftet, – zunächst Flüchtlinge als absolut Rechtlose, frei von Geschlechterdifferenz, Klassenzugehörigkeit, Alter angesprochen. Beim näheren Hinblicken der jeweiligen künstlerischen Dispositive ergibt sich jedoch ein Zugang zur Kodierung von Geschlecht: Analysiert werden zum einen Elfriede Jelineks poetische Zusammenarbeit mit den Bewohnern des Containers im Rahmen von Schlingensiefs Aktion, zum anderen der politische Eingriff von Salcedos Kunstinstallation in die Mechanismen einer (männlich-) westlichen Kunstinstitution und ihrer modernen Mäzene.

Maud Meyzaud ist Literaturwissenschaftlerin und habilitiert sich zur Zeit an der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. mit einem Projekt zur Genese der Romantheorie aus dem Dialog um 1800. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: „Baudelaire and the Literary Fabrication of the Poor““, in: SubStance 146, vol. 47, No. 2, 2018, S. 156-174; (Hg.; mit Rüdiger Dannemann und Philipp Weber): Hundert Jahre „transzendentale Obdachlosigkeit“. Georg Lukács’ Theorie des Romans neu gelesen. Bielefeld: Aisthesis (im Druck); „Das unsichtbare Denkmal. Über ‚So Little Time‘ von Rabih Mroué“, in: Monika Schmitz-Emans et al. (Hg.), Das Unsichtbare. Essen: Die blaue Eule 2018, S. 90-107.

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Organisator

  • Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung (IZfG)

Veranstaltungsort

  • Hörsaal, Deutsche Philologie
    Institut für Deutsche Philologie, Rubenowstraße 3
    17489 Greifswald

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