Das Pommersche Wörterbuch

Die gut einhundert Jahre umfassende Geschichte des Pommerschen Wörterbuchs erzählt von Höhen und Tiefen, Verlusten und Neuanfängen

 

Das noch in der Weimarer Republik im Jahr 1925 von Wolfgang Stammler in Greifswald gegründete großlandschaftliche Dialektwörterbuch bearbeitet und dokumentiert den Wortschatz der niederdeutschen Mundarten der ehemaligen preußischen Provinz Pommern in den Grenzen von 1936. 

Den ersten großen Einschnitt für das Vorhaben markierte der Zweite Weltkrieg, der zum Verlust fast des gesamten bis dahin gesammelten Materials führte. Nur zufällig konnten wenigstens noch einige Archivzettel gerettet werden, die sich in der Privatwohnung des zeitweiligen Leiters Kurt Mischke in Gristow bei Greifswald befanden und dort in der Nachkriegszeit als willkommenes Schreibpapier besonders für Schulkinder genutzt wurden.

Der notwendige Neubeginn wurde nach dem Krieg unter der Leitung von Hans Friedrich Rosenfeld engagiert vorangetrieben. Fragebogen wurden erstellt, zahllose Mundartsprecher interviewt und Tonbandaufnahmen getätigt. Diese Bemühungen ließen das Archiv rasch anwachsen, das gegen Ende der sechziger Jahre trotz der Schwierigkeiten bei der Suche nach Gewährsleuten aus dem ehemaligen Hinterpommern schließlich die eindrucksvolle Zahl von ca. 1,2 Millionen Belegzetteln erreichte. Diese von den Gewährspersonen ausgefüllten Archivzettel im Format DIN-A7 stellten die wichtigste Grundlage für die Erarbeitung der insgesamt etwa 65.000 Wortartikel dar.

Eine kleine Auswahl von ihnen zum Lemma „Schnack“ (leeres Gerede, Geschwätz) bietet der folgende Link:

Die politische Situation in der DDR war für das Pommersche Wörterbuch allerdings von vornherein ungünstig. Die Tabuisierung des Begriffs „Pommern“ in der DDR führte schon 1952 zur Umbenennung der Arbeitsstelle, die nun “Niederdeutsches Wörterbuch” genannt werden musste. Schließlich wurden 1969 sogar alle Arbeiten daran aus politischen Gründen eingestellt. Damit schien das endgültige Aus für das Wörterbuch besiegelt zu sein. Vor allem dem Geschick der damaligen Leiterin des Projekts, Renate Herrmann-Winter, ist es zu verdanken, dass die Archivbestände unversehrt in Greifswald bleiben konnten. Die deutsche Wiedervereinigung bot dann die unverhoffte Chance, das Vorhaben erneut zu etablieren. 1992 wurde die Arbeitsstelle zuerst bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig wieder eingerichtet, seit 1999 ging sie vollständig in die Obhut des Landes Mecklenburg-Vorpommern über. Zugleich kehrte das Wörterbuch damit an die Universität Greifswald zurück, an der es 74 Jahre zuvor auch gegründet wurde.

Das Pommersche Wörterbuch besteht aus zwei Bänden mit jeweils dreizehn Lieferungen, von denen die erste mit der Buchstabenstrecke A-afbacken1 1997 publiziert wurde. Der 2007 beendete erste Band (A–K) erschien im Akademie-Verlag in Berlin und wurde von Renate Herrmann-Winter und Matthias Vollmer herausgegeben, der ab 2016 die Leitung des Wörterbuchs und die alleinige Herausgeberschaft übernahm. Der zweite Band (im Verlag De Gruyter) umfasst die Buchstabenstrecke L-Z. Mit der dreizehnten Lieferung des zweiten Bandes (vullstoppen-Zyklopenmur) konnten die Arbeiten am Pommerschen Wörterbuch schließlich im Sommer 2026 abgeschlossen werden. Insgesamt 53 Karten ergänzen die Wortartikel.

Über den folgenden Link sind als Beispiel eine Wort‑ und eine Lautkarte einsehbar:


Literatur: 

  • Vollmer, Matthias (2021): Das Pommersche Wörterbuch. 
    In: Lenz, Alexandra N. / Stöckle, Philipp (Hgg.): Germanistische Dialektlexikographie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Stuttgart, S. 303–317 (= Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beiheft 181).
  • Vollmer, Matthias (2018): Das pommersche Wörterbuch von Georg Gotthilf Jacob Homann (1774-1851). Eine Sammlung pommerisch-deutscher Wörter und Redensarten. Berlin [u.a.].
  • Vollmer, Matthias (2016): Niederdeutsche Wortschatzsammlungen in Hinterpommern am Ende des 19. Jahrhunderts. 
    In: Baltische Studien NF 102, S. 199–208.
  • Herrmann-Winter, Renate (2013): Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste. Rostock.
  • Vollmer, Matthias (2008): Zur pommerschen Dialektlexikographie. Kosegartens Wörterbuch der niederdeutschen Sprache älterer und neuerer Zeit. 
    In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Bd. 131, S. 113-132.
  • Herrmann-Winter, Renate (1999): Das Pommersche Wörterbuch. Vorläufer – Ansätze – Konzepte. 
    In: Schmidt, Roderich (Hg.): Tausend Jahre pommersche Geschichte. Köln [u.a.], S. 281-306.
  • Herrmann-Winter, Renate (1998): Zur Geschichte der Dialektgeographie in Pommern. 
    In: Asmus, Ivo et al. (Hg.): Geographische und historische Beiträge zur Landeskunde Pommerns. Eginhard Wegner zum 80. Geburtstag, S. 299-304.

Archivkästen des Pommerschen Wörterbuchs