Germanistische Sprachwissenschaft

Der Teilbereich Germanistische Sprachwissenschaft am Institut für Deutsche Philologie der Ernst-Moritz-Arndt Universität befasst sich in Forschung und Lehre mit den Theorien, Methoden und Erkenntnissen der wissenschaftlichen Erforschung der deutschen Sprache.

Die Gegenstände der Germanistischen Sprachwissenschaft – Sprache, Sprechen, sprachliche Kommunikation – gehören zu den Selbstverständlichkeiten unseres Lebens: Wir alle sind kompetente Sprecher/innen einer Muttersprache und verwenden diese in den verschiedensten Situationen unseres Alltags, ohne dass wir dazu in der Regel einen reflektierten und analytischen Zugang haben oder benötigen. Nur ab und zu wird uns Sprache auffällig, erkennen wir die Komplexität des Phänomens „Sprache“ und unseres Sprachhandelns. So sorgen etwa Missverständnisse immer wieder dafür, dass Sprecher/innen ausdrücklich über ihre Sprache und die ihrer Kommunikationspartner nachdenken und dass sie Sprache „zur Sprache bringen“. Das Erlernen einer Fremdsprache kann ebenfalls häufig ein Anlass sein, sich der Regelhaftigkeit und gerade auch der Unregelmäßigkeit der eigenen Sprache bewusst zu werden. Schließlich kann auch der Ver-dacht, mit den Mitteln der Sprache manipuliert zu werden – etwa im Bereich der Politik – Anlass sein, Sprachgebrauch genauer zu beobachten und zu überdenken. In jedem dieser Fälle führt die Beschäftigung mit sprachlichen Phänomenen zu vielfältigen Fragestellungen, die die Vielschichtigkeit des – eben nur scheinbar selbstverständlichen – Gegenstands Sprache und seiner Aspekte erahnen lässt. All diese Aspekte sind Gegenstand sprachwissenschaftlicher Forschung und somit auch Gegenstände der Lehre im Bereich Germanistische Sprachwissenschaft.

Prinzipiell gibt es zwei Zugangsweisen, sprachliche Phänomene zu untersuchen und zu beschreiben. Beide finden in der Lehre des Bereichs Germanistische Sprachwissenschaft gleichermaßen Berücksichtigung. Zum einen wird linguistische Grundlagenforschung betrieben, indem zunächst die Organisationsprinzipien der Sprache, ihre Elemente und Regeln, anhand einschlägiger Analysemethoden entwickelt werden. Zum anderen kann man Sprache anwendungsbezogen untersuchen und dabei z.B. gesellschaftliche, politische und ethische Gesichtspunkte mit einbeziehen, die für eine solche Perspektive grundlegend sind.

In dem ersten Zugang, dem der Erforschung und Beschreibung sprachlicher Organisationsmechanismen und -kategorien, deckt die Lehre im Bereich Germanistische Sprachwissenschaft sämtliche Basisdisziplinen der modernen Linguistik ab: Kurse und Vorlesungen zur Natur sprachlicher Zeichen (Semiotik), zur Lautlehre und Wortbildungslehre (Phonologie, Morphologie), zu ihrer Bedeutung (Semantik) und regelhaften Verknüpfung (Syntax) gehören regelmäßig zum Angebot. Hinzu kommen Seminare, in denen neuere Methoden linguistischer Grundlagenforschung vermittelt und angewandt werden: zum Beispiel die Pragmatik, die den Handlungscharakter der Sprache erforscht, die Gesprächsanalyse, die das Funktionieren natürlicher Gesprächsabläufe untersucht, die moderne Varietäten- und Textlinguistik, die Theorie des (kindlichen) Spracherwerbs oder auch der Psycholinguistik, deren Interesse dem Zusammenhang zwischen der Organisation der Sprache und der Struktur des menschlichen Gehirns gilt. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Angebote aus verschiedenen Bereichen der Sprachgeschichte des Deutschen.

Die wichtigsten methodischen Grundlagen für die Beschäftigung mit diesen Fragen vermitteln die im Bereich Germanistische Sprachwissenschaft in jedem Semester angebotenen „Grundkurse“: Der für alle germanistischen und kommunikationswissenschaftlichen Studiengänge obligatorische Grundkurs A (Einführung in die Sprachwissenschaft) verschafft einen allgemeinen Überblick über die Gegenstände der Sprachwissenschaft. Der in einigen Studiengängen ebenfalls obligatorische Grundkurs B (Grundlagen der Syntax) befasst sich ausschließlich mit Fragen der Grammatik, frischt das entsprechende Schulwissen auf, ergänzt und ersetzt es jedoch vor allen Dingen durch die Analysekategorien der modernen Linguistik, die anders als die gewohnte Schulgrammatik eher darauf zielen, die Funktionen und Leistungen grammatischer Phänomene zu erfassen.

Der zweite sprachwissenschaftliche Zugang, der Sprache in ihren tatsächlichen Anwendungszusammenhängen untersucht, erhält im Forschungs- und Lehrprogramm des Bereichs Germanistische Sprachwissenschaft besondere Aufmerksamkeit. Die Kurse und Vorlesungen aus diesem Bereich setzen unbedingt Kenntnisse in den genannten linguistischen Grundlagendisziplinen voraus, sie gehen jedoch einen Schritt weiter, indem sie diese originär linguistischen Erkenntnisse gewinnbringend mit Einsichten und Methoden aus benachbarten Wissenschaften zu verbinden suchen. Angebote etwa zur Sprache in Institutionen (z.B. Unternehmen, Schule, Universität), zum Sprachwandel durch (digitale) Medien, zur Bedeutung der Sprache für eine funktionierende Öffentlichkeit oder auch zu den Eigenarten politischer Sprache machen einen wichtigen Teil der sprachwissenschaftlichen Ausbildung aus. Gerade sie verdeutlichen, wie bedeutsam die Erkenntnisse sprachwissenschaftlicher Forschung für das Verständnis nahezu aller Bereiche unseres Lebens sind.

Ein zentraler Forschungsschwerpunkt am Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft ist Sprachkritik. Sie kann als wertende Reflexion über Sprache, vor allem über Sprachgebräuche, verstanden werden und ordnet sich damit in die zuvor genannten anwendungsbezogenen Bereiche ein. Der linguistischen Sprachkritik geht es nicht um Normsetzung im Sinne von Vorschriften, sondern vielmehr darum, vorhandene Normen zu reflektieren und damit ein Sprachbewusstsein sowohl für den eigenen als auch für den Sprachgebrauch anderer zu schaffen. Seit 2005 wird am Greifswalder Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur redigiert. Herausgegeben wird die Zeitschrift von Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Martin Wengeler (Universität Düsseldorf). Aptum sucht einen Beitrag zur Integration der Sprachkritik als anwendungsbezogene Disziplin innerhalb der Sprachwissenschaft zu leisten und zeigt die Praxis sprachkritischen Arbeitens auf.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist das Thema Sprachkontakt. Historisch gesehen geht es dabei um die Geschichte der Entlehnungen aus anderen Sprachen in das Deutsche. Gegenwartsbezogen wird eher – pragmatisch – die konkrete Situation in den Blick genommen, in der Menschen mit unterschiedlichen Sprachen miteinander kommunizieren: Welche Sprache wählt wer wann in welcher Situation? Welche kommunikativen Hindernisse, aber auch welche Chancen ergeben sich? Welche Rolle spielt der jeweilige kulturelle Hintergrund? Welche Auswirkungen haben diese Formen von Sprachkontakt auf die jeweils verwendeten Sprachen? Derartige Forschungsfragen werden nach Möglichkeit auch in das Lehrprogramm der Germanistischen Sprachwissenschaft aufgenommen.

Eine Greifswalder Besonderheit ist das dem Teilbereich Germanistische Sprachwissenschaft angeschlossene Angebot in niederdeutscher Sprache und Literatur. Den Studierenden wird die Möglichkeit eröffnet, moderne linguistische Analysemethoden im Bereich der angewandten Dialektologie zu erproben und sich mit dem kulturellen und literarischen Bestand einer wichtigen und weit gestreckten deutschen Sprachregion zu befassen. Damit bieten die entsprechenden Seminare und Vorlesungen, die in Zusammenarbeit mit den Mitarbeiter/innen des ‚Pommerschen Wörterbuchs‘ durchgeführt werden, allen interessierten Studierenden des Instituts eine wertvolle Ergänzung ihrer Ausbildung.

Wie kaum ein anderer Bereich ist die Germanistische Sprachwissenschaft von ihren Gegenständen und ihrem Lehrangebot her verbunden mit benachbarten Disziplinen. Dies gilt zum einen für die anderen Teilbereiche innerhalb des Instituts für Deutsche Philologie, aber gleichermaßen auch über die Institutsgrenzen hinaus, insbesondere für das Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft sowie für die fremdsprachlichen Philologien. Hier ist der Arbeitsbereich stetig um den interdisziplinären Austausch bemüht.

Kontakt

Arbeitsbereich Germanistische Sprachwissenschaft

Lehrstuhlvertreter Herr Dr. Philipp Dreesen

Institut für deutsche Philologie
Rubenowstr. 3 - Raum 2.04
17487 Greifswald

Tel.: +49 (0)3834 420 3417

Sprechzeit: Mo 10-11 Uhr

Sekretariat

Dipl.-Lehrerin Petra Westphal
Rubenowstr. 3 - Raum 2.12
Tel.: 420 3404
Fax: 420 3423
philosek(at)uni-greifswald(dot)de

Sprechzeit:
Mo-Do 8-12, 14-15.30

 

Lehrstuhlinhaber
Prof. Dr. Jürgen Schiewe

Institut für deutsche Philologie
Rubenowstr. 3 - Raum 2.04
17487 Greifswald

Tel.: +49 (0)3834 420 3417
Fax: +49 (0)3834 420 3426
jschiewe(at)uni-greifswald(dot)de

Sprechzeiten / Studienberatung: Forschungsstipendium
(Voranmeldung bitte auf Liste neben dem Institutssekretariat)

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