Magdalena Pflock

Arbeitsbereich: Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie
 
Betreuer: Prof. Dr. Eckhard Schumacher
 
Arbeitstitel
280 Zeichen Gegenwart. Postdigitale Literatur und Soziale Medien
 
Abstract
Auch wenn seine Geschichte der Mobilität schon früher begann, erlebt der Mikroblogging-Dienst Twitter seit dem Aufkommen von Smartphones einen ständigen Zuwachs an User*innen. Mit nur 1,4 Mio. täglichen Nutzer*innen liegt er zwar weit hinter Facebook (23 Mio.) und Instagram (9 Mio.), dennoch stellt Twitter mit seinen spezifischen Eigenheiten einen wichtigen und beliebten Forschungsgegenstand dar, der neben politikwissenschaftlicher und soziologischer auch literaturwissenschaftlicher Betrachtungen bedarf. Die literaturwissenschaftliche Untersuchung von Twitter, bzw. von Tweets, lässt sich u. a. darauf begründen, dass ein in beide Richtung gehender Fluss zwischen Twitter und dem Literaturbetrieb erkennbar ist: Autor*innen wie Sibylle Berg, Saša Stanišić und Berit Glanz sind nicht nur auf dem Buchmarkt etabliert, sondern nutzen das auf Mikrotexten basierende soziale Netzwerk regelmäßig. Gleichzeitig lässt sich eine Bewegung in beide Richtungen feststellen, die dazu führt, dass Twitteruser*innen aufgrund ihrer Twitteraccounts zu Schriftsteller*innen eigener Bücher werden (z.B. @renatebergmann, @akkordeonistin, @LaVieVagabonde).

Politiker*innen, Sportler*innen, Musiker*innen und auch Schriftsteller*innen nutzen Twitter als Marketingplattform. Das Internet, die Digitalisierung und der Geltungsdrang über die Sozialen Medien sind auch Themen, die sich in Sibylle Bergs GRM – brainfuck wiederfinden und dort in einer Zukunftsdystopie gipfeln, die als logische Konsequenz der Digitalisierung dargestellt wird. Jedoch finden Soziale Medien nicht nur als konkrete Zitate innerhalb der gegenwärtigen Literatur statt, sondern haben auch formale Einflüsse auf Literaturschaffende. So beschreibt Glanz den Reiz an Twitter darin, in extremer Verknappung etwas literarisch zu formulieren. Jenseits der in der Öffentlichkeit stehenden Personen gibt es viele private User*innen, die nicht nur stumm mitlesen, sondern Twitter auf eine andere Art nutzen, wie die bereits erwähnten Accounts. An diesem Punkt setzt das Interesse der Dissertation an, da sich in diesem Bereich des Mikroblogging-Dienstes kreativ und literarisch schreibende Accounts finden lassen.

Ziel ist es, die Fragen nach dem Zusammenspiel von Literatur und Twitter zu beantworten und dabei sowohl auf formgebende als auch auf inhaltliche Aspekte einzugehen. Durch Soziale Medien wird jedem ein Zugang zu diesem „Literaturnetzwerk“ ermöglicht, daher ist es wichtig darauf einzugehen, ob es sich nur um eine Subkultur handelt, oder ob es sich um ein Sprungbrett auch für marginalisierte Gruppen handeln könnte, denen es durch bestehende Strukturen zunächst schwerer gemacht wird, Teil des Literaturbetriebes zu werden. Besonders auf Twitter lässt sich das Netzwerk, das Literaturschaffende, -vermittelnde und -forschende geschaffen haben, gut erkennen. Durch Retweets und Replies tauschen sie sich zu bestimmten Themen aus – diese können sowohl literaturthematisch als auch rein privat sein – und inspirieren sich gegenseitig. Hierbei stellt sich die Frage, ob die twitternden Literaturschaffenden auf Twitter ein „soziales Netzwerk“ schaffen und welche Möglichkeiten und Chancen sich daraus ergeben. Die sogenannte „Literaturbubble“ umfasst sowohl Wissen-schaftler*innen, Literaturinteressierte und Autor*innen. Es gilt herauszufinden, inwiefern es sich dabei um eine Randerscheinung Twitters handelt und dieses Literaturnetzwerk Einflüsse auf die Literatur haben kann.

Innerhalb der Dissertation sollen also drei verschiedene Aspekte herausgearbeitet und reflektiert werden: 1. Bereits etablierte Autor*innen und ihre Twitternutzung mit Bezug zu ihren Romanen, 2. Das „soziale Literaturnetzwerk“ und seine Bedeutung für die Gegenwartsliteratur und 3. Literatur auf und für Twitter – was sie ausmacht und welchen Beitrag sie zu den Schreibweisen der Gegenwart leistet.