Philipp Ohnesorge

Arbeitsbereich: Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie
 
Betreuer: Prof. Dr. Eckhard Schumacher
 
Arbeitstitel
Verfahren der Heimsuchung. Gespenster des Realismus nach der Digitalisierung
 
Abstract
„Heimsuchung, das war das Wort, das sich aufdrängte. Rückkehr ins Gedächtnis, Befreiung aus der Verschüttung. Unverhoffte Bergung.“ In dem Moment, in dem ein 2019 erschienener Roman wie Miami Punk von Juan S. Guse poetologisch wird, muss er seinen eigenen Souveränitätsverlust eingestehen: ‚Heimsuchung‘ ist nicht nur ein möglicher Weg erzählerischer Darstellung, sondern drängt sich auf – wie die Äußerung eines frei über sein Material verfügenden Erzählers mit den herkömmlich-mimetischen Ambitionen eines realistischen Romanprojekts mutet das nicht mehr an. Stattdessen wird dem Material selbst hier gewissermaßen die agency zugestanden, sich aus der Virtualität heraus als Spuk zu materialisieren. Was bedeutet das für ein Erzählen, das sich – „AUF DEM WEG ZUR WIRKLICHKEIT“ (Guse) oder etwa im Fall von Kathrin Röggla als „Sichabarbeiten an der Realität“ („Deckerzählung“, 2020) – in der Tradition literarisch-realistischer Anliegen entwirft?
Nun stehen realistische Schreibweisen nicht erst seit Roland Barthes‘ Diktum des „Erbrechens der Stereotypen“ auf dem Prüfstand, müssen sich hinterfragen und rechtfertigen – die Möglichkeit, Welt so darzustellen, ‚wie sie wirklich ist‘, steht allerspätestens mit der Theoriebildung des Poststrukturalismus zur Debatte. Zweifel und Reflexionsversuche begleiten das Projekt realistischer mimesis jedoch schon seit dem 19. Jhd. (vgl. etwa Begemann 2013). Anliegen des Dissertationsprojekts ist es, solche Momente anhand einer Analyse gespenstischer Elemente in den Fokus zu nehmen.

Lektüren realistischer Gegenwartsprosa – Gegenstand der Arbeit sind Texte wie Terézia Moras Das Ungeheuer (2013), Kathrin Rögglas Nachtsendung. Unheimliche Geschichten (2016) oder eben Guses Miami Punk – sollen so ein „Verfahren der Heimsuchung“ beschreibbar machen. Hierzu soll einerseits eine literaturwissenschaftliche Aktualisierung des Verfahrensbegriffs ausgehend von formalistischer Theoriebildung (vgl. Šklovskij 1917) fruchtbar gemacht werden, andererseits Heimsuchung als textuelles Phänomen in den Fokus rücken, das von der Theoretisierung von Schrift und Spur in Jacques Derridas Grammatologie (1967) bis zu seiner Formulierung einer hantologie reicht, wenn es 1993 in Marx’ Gespenster heißt: „Die Heimsuchung gehört zur Struktur jeder Hegemonie“ – dies gilt auch für die semiotischen Hegemonien realistischer Darstellung, die Wirklichkeit als Frames und Scripts des Bekannten begreift.

Gerade aus dieser Verbindung motivischer und theoretischer Konzepte entsteht hier die besondere Sensibilität für historisch-kontextuelle Gegebenheiten und Bedingungen eines „Verfahrens der Heimsuchung“: Aus der unabdingbaren Mitreflexion der lebensweltlichen und medialen Umgebung einer Post-Digitalität (vgl. Cramer 2014) entsteht eine geschärfte Perspektive auf die Risse in Textproduktion, Worldbuilding und Vermittlung nach der Digitalisierung, die den Gespenstern und ihren Begleitphänomenen den Einfall in ‚die Wirklichkeit‘ ermöglichen – eben wie eine „Rückkehr ins Gedächtnis, Befreiung aus der Verschüttung. Unverhoffte Bergung.“