Wenn einer deit, wat hei deit...

Für die Übertragung des hochdeutschen Romans "Hein Hannemann" ins Niederdeutsche hat der Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. 22 Übersetzer und Übersetzerinnen gewonnen. Jede und jeder hat einen Teil des Buches übersetzt, mal sechs Seiten, mal zehn, mal dreißig. Sie sind ein Querschnitt der Bevölkerung: unterschiedliche Altersgruppen, unterschiedliche Wohnorte, unterschiedliche Sprachbiografien, unterschiedliche Erfahrungen mit der niederdeutschen Literatur und dem Übersetzen von Texten. 

Für das Zusammenführen dieser Teilstücke mussten deshalb vielerlei Entscheidungen getroffen werden, bei denen vor allem Lesbarkeit und Verständlichkeit im Fokus standen.

Konzeptionelle Überlegungen zu der Übertragung:

- Ziel einer Übertragung sollte ein Text sein, der so wirkt, als wäre er nie in einer anderen Sprache gedacht gewesen.

- Orthografie der Übertragung im Wesentlichen nach den Regeln von Renate Herrmann-Winter, um eine bessere Nutzbarkeit im Unterricht zu gewährleisten. 

- Fokus auf möglichst gutem Leseverständnis, daher werden zum Beispiel Verben mit der Endung -en geschrieben, obwohl diese beim gesprochenen Wort oft zu -'n verkürzt wird.

- Gleichwohl Versuch, der niederdeutsch-typischen Aussprache Rechnung zu tragen. Daher besonders in wörtlicher Rede mit Verkürzungen gearbeitet: wi hemm' statt wi hebben etc.

- Sprachvermittlung statt Sprachpflege im Vordergrund, daher im Zweifelsfall eher der neuere bzw. leichter verständlichere Begriff/Verbform/Satzbau

Beispiel: "teihn" gilt ein veraltetes Lexem für "ziehen", das nur noch in stehenden Wendungen verwendet wird, z.B. "Dor bün ik buren un tågen". Darüber hinaus besteht im Infinitiv und bei den Pluralformen für den ungeübten Leser eine Verwechslungsgefahr mit dem Zahlwort "teihn (10)". Daher wird das neuere Lexem "trecken" verwendet. Bei diesem tut sich aber noch eine andere Schwierigkeit auf: Die Bandbreite der regionalen Unterschiede im Sprachgebiet geht nämlich so weit, dass manche Verben in einigen Sprachregionen schwach und in anderen stark oder unregelmäßig gebeugt werden. So auch "trecken", für das sich zum Beispiel im Wossidlo-Archiv beide Varianten finden lassen. Auch Herrmann-Winter gibt (Hör- und Lernbuch für das Plattdeutsche) beide Möglichkeiten an: ik treckte vs. ik tröck. In "Hein Hannemann" wurde die unregelmäßige Form verwendet: trecken - tröck - trocken.

- Um älteren Formen wenigstens stellenweise eine "Plattform" zu geben, wurden sie bei einigen Figuren in der wörtlichen Rede verwendet, z.Bsp. benutzt der Großvater von Hein das alte Lexem "Bülgen", während sonst von "Wellen" die Rede ist. 

- Spiel mit Sprache und Mundarten, indem zum Beispiel den beiden Vagabunden im Kapitel "In de Irr gåhn in'n Winterwoold" eigene Mundarten gegeben werden: Lämmerschwanz spricht eine an das Thüringische im Raum Sonnenberg angelehnte Mundart, sein Kumpan eher eine ostelbische. Beides kann allerdings nur angedeutet werden, um die Verständlichkeit nicht zu gefährden. Bei einem im Kapitel "Heidfohrt" auftretenden Deutschamerikaner vermischen sich englische und niederdeutsche Begriffe, einem Warnemünder Badegast im Kapitel "Hurra! Warnemünn" wurde das ostfriesische Niederdeutsch in den Mund gelegt. Weiteres Beispiel: Manche Figuren sagen "jå", andere sagen "jo".

 

Zeitformen

- Erzählertext zwar im Präteritum, in bestimmten Passagen aber typischer Wechsel zum Präsens, um Ereignisse persönlicher/dichter zu beschreiben.

- In wörtlicher Rede häufig Perfekt, wie es im mündlichen Gebrauch üblich ist

 

... denn kann hei nich mihr daun, as hei deit. (Fritz Reuter)

 

Trotz mehrmaliger Durchsicht lassen sich bei der Vereinheitlichung der 22 Einzelübersetzungen kleine Fehler leider nicht vermeiden. Im Folgenden sollen bekannte aufgelistet werden. Sollten Ihnen mehr auffallen, scheiben Sie uns gern!

S. 6:    bören statt böören

S. 9:    ... un wecker von Warnemünn nå Rostock WULL odder ümkiehrt, de führte...

S. 10:   Dor wull Hein åwer nich wieder ŒWER schnacken.

             Dat Veih is afsichtlich in’t Wåter schmäten word’N

             Dat wier ja ok’n MinschEN

S. 19, 109, 238. 266:    ritt statt riet

S.42:    schreegen statt schriechten

S. 87:   Trüchwartsschuwen statt Trüchwartschuwen

S. 96:   verschwunnen statt verschwunne

S. 96, 98, 149:   schmitt statt schmiet

S. 106:  räd't statt räd, richt't statt richt'

S. 112:  verrungeniert statt verungeniert

S. 156:  löpen statt lopen

S. 197: IN griese afdrågen Linnenbüxen statt In'n

S. 197: EHR schwånte nix Leget statt sei

S. 215:  piesackte statt pisackte

S. 235:  båben statt oben

S. 282:  verdaddert statt verdattert