Florian Schmid, M.A.

Arbeitsgebiet: Ältere deutsche Sprache und Literatur

 

Geplanter Abschluss: 2018

 

Arbeitstitel: Ordnungen des Wissens. Literarische Werke als Quellen genealogischer Entwürfe in der Chronistik des 15. und 16. Jahrhunderts

Im 16. Jahrhundert beginnt sich eine Auffassung von Geschichtsschreibung zu etablieren, die der heutigen ähnelt. Jene Zeit ist gekennzeichnet durch ein Spannungsfeld von Genealogieentwürfen im Kontext adliger Machtlegitimationsbestrebungen einerseits, die auf mittelalterliche Quellen angewiesen sind, und durch eine scharfe theologische Kritik an genealogischen Denkformen andererseits. Hinzu kommt, dass sich eine Trennung von ‚Historia‘ und Fiktion auszuprägen beginnt. Dennoch ist zu beobachten, dass weiterhin für genealogische Konstruktionen aus neuzeitlicher Perspektive auch fiktionale Werke als Quellen für Chroniken verwendet werden, denen damit der Status als wissensvermittelnde Texte zugewiesen wird. So lassen sich zum Beispiel in den historiographischen Werken des evangelischen Theologen und Historikers Cyriacus Spangenberg (1528–1604) markante Veränderungsprozesse in historischem Schreiben erkennen, indem ältere – wie eine weltchronistische Einbindung, etymologische Argumente, eine Angabe von Autoritäten – und jüngere Überzeugungsstrategien – Historisierung, Kontextualisierung und Perspektivierung theologischer sowie philologisch-kritischer Argumente – mit jeweils unterschiedlichem Problematisierungsgrad reflektiert und verwendet werden. Im Kontext der Forschungsdiskussion um das Verhältnis und Verständnis von Literatur und Wissen sowie von historischem und fiktionalem Erzählen wird in diesem Projekt daher nach narrativen Prinzipien, Argumentationsstrategien und Umgangsweisen mit literarischen Werken als Quellen der Chronistik gefragt: Inwiefern lassen sich Problematisierungen, Hybridisierungen und Historisierungen „fiktionaler“ Werke beobachten, inwiefern Prozesse der Assimilation und Transformation? Inwiefern kommt es zu einer Synthese von gelehrtem und ungelehrtem Wissen? Und wie lässt sich der inhaltliche, formale und funktionelle Mehrwert des „Literarischen“ bestimmen?