Promotionsprojekte
Ulrike Stern: „Reuters ,Kein Hüsung’: von der Handschrift zur digitalen Edition“ (Arbeitstitel)
Betreuung: Prof. Dr. Doreen Brandt, Universität Oldenburg
Kurzabstract
Der Schriftsteller Fritz Reuter gilt als umfassend erforscht. Die Forschungsliteratur zu einem seiner wichtigsten Werke, derVerserzählung „Kein Hüsung“ aus dem Jahr 1857, ist allerdings überschaubar. Dabei hat dieses Werk sowohl im Gesamtschaffen Reuters also auch in der hoch- und niederdeutschen Literatur des 19. Jahrhunderts eine Sonderstellung inne. Aber auch im 20. und 21. Jahrhundert bleibt das Drama um Jehann und Marik relevant, wie sich in u.a. in einer Übersetzung in englische Sprache von Richard Trost, einer DEFA-Verfilmung 1954 mit einem Drehbuch von Ehm Welk, mehreren Hörspiel- und Theaterfassungen und nicht zuletzt in der Aufnahme des Werkes in den Rahmenplan Niederdeutsch Mecklenburg-Vorpommern für die Sekundarstufe I und die gymnasiale Oberstufe zeigt.
Bisher erschienene Schriften zu „Kein Hüsung“ nähern sich dem Werk vorrangig unter regional- oder kirchengeschichtlichen Gesichtspunkten oder im Hinblick auf Rezeption und Wirkung. Eine literaturwissenschaftliche Einordnung und umfassende Werkanalyse von „Kein Hüsung“ ist bisher ausgeblieben. Dieses Desiderat gilt es in der geplanten Dissertation zu füllen. Dabei kann auf die Kopie eines „Kein Hüsung“-Manuskriptes zurückgegriffen werden, das sich bis 2017 im Besitz der Fritz-Reuter-Altenheim-Gesellschaft in North Bergen, New Jersey (USA) befand. Der Verbleib des Originals ist derzeit unklar, nachdem das Fritz-Reuter-Altenheim 2017 an einen privaten Betreiber verkauft wurde.
Das Manuskript wurde bisher nur in drei Aufsätzen des amerikanischen Germanisten Heinz C. Christiansen beschrieben, die er im Umfeld von Reuters 100. Todestag 1974 und im Folgejahr veröffentlichte. Mit der geplanten Dissertation wird erstmalig eine umfassende Untersuchung der Handschrift vorgelegt werden. Dazu soll nach einer Transkription der Handschrift ein Vergleich mit der gedruckten Erstausgabe, erschienen 1857 bei Theodor Kunicke in Koch’s Verlagsbuchhandlung in Greifswald, und der zweiten, überarbeiteten Ausgabe (Hinstorff 1863) vorgenommen werden.
Die Kopie des Manuskriptes lässt Arbeitsschritte wie Streichungen und Umstellungen erkennen, darüber hinaus ist eine Progression bei der Benennung der unterschiedlichen Kapitel erkennbar. Von dem letzten Kapitel des Werkes sind unterschiedliche Versionen vorhanden, die sich zum Teil überschneiden. Diese Auffälligkeiten lassen vermuten, dass sich anhand des vorliegenden Manuskriptes Aussagen über den Entstehungsprozess von „Kein Hüsung“ treffen lassen. Ebenso wenig wie über diesen Prozess ist über den Entstehungszeitraum bekannt. Die Forschung geht bisher davon aus, dass Reuter, nachdem er über mehrere Jahre in unterschiedlichen Formen mit der Thematik in Berührung gekommen war, am 12. Oktober 1856 mit dem Versepos begonnen habe. Diese Annahme stützt sich auf einen Vermerk in der genannten Handschrift. Ob sie haltbar ist oder eine umfassende Untersuchung des Manuskriptes andere Erkenntnisse liefern kann, ist eine der Forschungsfragen der geplanten Dissertation. Daran anschließend ist zu klären, welchen Stand im Arbeitsprozess das Manuskript spiegelt. Es ist zu erwarten, dass sich im Zuge des Vergleichs weitere Fragestellungen ergeben, die zu einer Analyse des Werkes im Hinblick auf sprachliche Mittel, Figurenkonstellation und -ausgestaltung u. Ä. führen werden. Durch die Überarbeitungen, die Reuter für die 2. Auflage vornahm, werden auch Fragen der Orthografie in den Blickpunkt rücken, die Anknüpfungspunkte an aktuelle Diskussionen im Bereich der niederdeutschen Forschung bieten.