Forschung zu Martha Müller-Grählert
Martha måkt Schaul! – Unterrichtsversuche

Projektleitung:
- Prof. Dr. Birte Arendt (arendt@uni-greifswald.de)
- Antje Köpnick (antje.koepnick@uni-greifswald.de)
- Studentische Mitarbeiterin: Charlotte Paul
2026 wäre die pommersche Dichterin Martha Müller-Grählert 150 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlasse hat das KND umfangreiches didaktisches Material für die Grundschule (5 Gedichte) und für die Sekundarstufe (5 Gedichte) entwickelt. Um die Tauglichkeit der entwickelten Materialien in der Praxis zu testen, braucht es empirische Bildungsforschung, konkret Unterrichtsversuche mit dem Material. Das Projekt begleitet Schulversuche in der Grundschule und in der Sekundarstufe, bei denen das neue Unterrichtsmaterial zu Martha Müller-Grählert und den von SEESIDE vertonten Gedichten erprobt wird.
Projektziele:
- Das KND hat Material entwickelt, das unter realen Unterrichtsbedingungen getestet werden soll, um zu sehen, wie Kinder tatsächlich damit arbeiten: Wie gehen sie mit den Aufgaben um? Wie tauschen sie sich in Partner- oder Gruppenarbeit aus? Wo hakt es im Material und wo funktioniert es gut?
- Uns interessiert dabei die Perspektive der Kinder. Wir wollen wir dokumentieren, wie sie das Material nutzen, miteinander sprechen und darauf reagieren.
- Zentral ist eine Prozessperspektive, nicht nur das fertige Ergebnis.
Theoretische Fundierung
- Das Forschungsprojekt ordnet sich in den Bereich der empirischen Bildungsforschung (Rothland 2024) und fokussiert eine niederdeutschdidaktische Perspektive (Arendt/Langhanke 2021). Im Zentrum steht die interaktive Gestaltung von Lernprozessen durch die Schüler*innen (Wind Eskildsen/Majlesi 2018) in dominant kooperativen Unterrichtssequenzen (Simkins et al. 2023), die durch die audio- und videographische Erhebung authentischer Unterrichtsdaten erfassbar wird. Diese Daten werden mikroanalytisch ausgewertet (Arendt 2021). Die Forschung folgt damit einem qualitativen Forschungsparadigma, das explorativ von SuS interaktiv gestaltete Lernprozesse rekonstruiert.
Roadmap
- 10-12/2026: Genehmigungsverfahren
- 01-04/2027: Datenerhebung in Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe, d.h. begleitete Unterrichtsversuche bis ca. März–April 2027 (oder früher) inkl. Audio- bzw. Videoaufnahmen
- 04-05/2027: Datenauswertung
- 06-07/2027: Vorbereitung der Publikation
- bis 08/2027: erste Druckfassung
Literaturauswahl
Arendt, B./Langhanke, R. (Hgg.) (2021): Niederdeutschdidaktik. Grundlagen und Perspektiven zwischen Varianz und Standardisierung. Berlin.
Arendt, B. (2021): Kooperative Lehr-Lern-Aktivitäten im Niederdeutschunterricht in einer mikroanalytischen Perspektive. In: Arendt, B./Langhanke, R. (Hgg.): Niederdeutschdidaktik. Grundlagen und Perspektiven zwischen Varianz und Standardisierung. Berlin, 163–196.
Rothland, Martin (2024): Allgemeine Didaktik und Unterrichtsforschung. Unterricht im Lichte wissenschaftlicher Perspektivdifferenz. Bielefeld.
Simkins, P. et al. (2023): Taking advantage of structured peer interaction: cooperative learning in the Principles of Microeconomics course. In: Teaching Principles of Microeconomics. Cheltenham, 202–214.
Wind Eskildsen, S./Majlesi, A.R. (2018): Learnables and Teachables in Second Language Talk. In: The Modern Language Journal 102, 3–10.
Martha måkt Wetenschåp! – Literarhistorische Kontextualisierung

Projektleitung:
- Prof. Dr. Birte Arendt (arendt@uni-greifswald.de)
- Ulrike Stern (ulrike.stern@uni-greifswald.de)
- Studentische/r Mitarbeiter/in: n.n.
Projektziele
- Erstellung einer interaktiven Datenbank auf Basis des Werkverzeichnisses (Paul 2026)
- Literaturwissenschaftliche Erschließung und Einordnung der niederdeutschen Lyrik in multiperspektivischer Annäherung durch interaktiven Workshop und Publikation
- Vernetzung von Forscher*innen zu Martha Müller-Grählert
Die vorpommersche Dichterin Martha Müller-Grählert wäre 2026 150 Jahre alt geworden. Obgleich sie mit ihrem „Ostseewellenlied“ international Berühmtheit erlangte, ist über ihr umfangreiches Schaffen kaum etwas bekannt (z.B. Arlt 2023). Ein vom KND beauftragtes Werkverzeichnis erbrachte z.B., dass sie ca. 1/3 ihrer Gedichte, Kurzgeschichten und Berichte auf Hochdeutsch oder mehrsprachig verfasste. Sie veröffentlichte vorrangig in regionalen, aber auch überregionalen Zeitungen und Zeitschriften.
Die literarhistorische Einordnung ist, wenn überhaupt, erst in Ansätzen erfolgt (Freundeskreis Martha Müller-Grählert 2001, Rat der Gemeinde Zingst 1983, Paul 2026, KND 2026). Zumeist wird auf die Autorin als „Heimatdichterin“ verwiesen, mit all dem despektierlichen Unterton, der einem solchen Etikett innewohnt. Im Gegensatz dazu gehen wir davon aus, dass ihr Werk bedeutend vielschichtiger, intertextuell verknüpfter und formal anspruchsvoller ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Auch eine notwendige Differenzierung ihrer Texte im Hinblick auf ihre unterschiedlichen Schaffenphasen wäre notwendig, um eine ausgewogene Einordnung der Autorin vornehmen zu können. Die Erforschung ihres Schaffen würde nicht nur die regional-sprachliche und insbesondere niederdeutsche Literaturwissenschaft bereichern, sondern auch literaturwissenschaftlich orientierte Genderstudies sowie die germanis-tische Literaturwissenschaft generell.
Um die bisher unbefriedigende Forschungslage zu ändern, laden wir zu einem eineinhalbtägigen Workshop mit max. 15 Teilnehmer*innen ein, der sich ausgewählten Texten Martha Müller-Grählerts widmet. Dazu wurde eine Textauswahl nach folgenden Kriterien vorgenommen:
- Thematische Vielfalt
- Werke aus verschiedenen Schaffensphasen
- Unterschiedliche Häufigkeit der Veröffentlichungen
- Beschränkung auf niederdeutsche Lyrik
Im Workshop sollen vorerst 20 Gedichte im Zentrum stehen, die teilweise bereits didaktisch aufbereitet wurden. Die ausgewählten Gedichte lassen sich unter – teils mehreren – Perspektiven betrachten:
Intertextuelle Bezüge zu anderen (niederdeutschen) Autor*innen
- Verortung in der Literatur ihrer Zeit und weibliche Autorschaft
- Frauen als Thema – zwischen Feminismus und Misogynie
- Inhaltliche Aspekte wie Natur, Heimat, Selbstreflektion etc.
- Thematisierung von Sprache
- Politik & Zeitgeschichte
Eine Veröffentlichung der Gedichte erfolgt in Kürze.
Roadmap
- 10-12/2026: cfp
- 03/2027: literaturwiss. Workshop in Greifswald
- 04-07/2027: Vorbereitung der Publikation
- bis 08/2027: erste Druckfassung
Literaturauswahl
Arlt, Sigrid/Arlt, Hans (2023): Martha Müller-Grählert. Biografisches und Bibliografisches. Barth.
Hein, Jürgen (1985): Ist Dialektliteratur Literatur? Zur literarischen Qualität der Dialektdichtung. In: Klein, Armin/Dingeldein, Heinrich J./Herrgen, Joachim (Hgg.): Dichten im Dialekt. Marburg, 29–57.
Freundeskreis Martha Müller-Grählert (Hrsg.) (2001): Martha Müller-Grählert - Mine Heimat. Plattdeutsche und hochdeutsche Gedichte und Geschichten. Leipzig.
Fluck, Hans Rüdiger (1983): Neuere deutsche Mundartdichtung. Formen, Programme und Perspektiven. In: Werner Besch et al. (Hgg.): Dialektologie. 2. Halbbd. Berlin/New York, 1651–1666.
KND (2026): „Ehr dusendstimmig Lied“ – Unterrichtshandreichung für Grundschule und Sekundarstufe zur Vermittlung niederdeutscher Gedichte Martha Müller-Grählerts. Erstellt von Birte Arendt, Antje Köpnick, Charlotte Paul und Ulrike Stern unter der Leitung von Birte Arendt. Greifswald.
Langhanke, Robert (2015): Zur literarischen Wiedersichtbarmachung des Niederdeutschen im 19. Jahrhundert. Konzepte und Konflikte der niederdeutschen Reliteralisierung. In: Langhanke, Robert (Hg.): Sprache, Literatur, Raum. Festgabe für Willy Diercks. Bielefeld, 479–536.
Menke, Hubertus (2007): Niederdeutsche Literatur. In: Harald Fricke et al. (Hgg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 2 2. Berlin/New York, 714–718.
Paul, Charlotte (2026): Das literarische Œuvre von Martha Müller-Grählert – Konzeption und Erstellung eines Werkverzeichnisses und dessen unterrichtliche Relevanz. Greifswald. (Unveröffentlichte wissenschaftliche Abschlussarbeit).
Rat der Gemeinde Zingst und der Fachgruppe Heimatgeschichte Zingst im Kulturbund der DDR (1983): Wo de Ostseewellen trecken an den Strand. Vom Leben und Werk der Zingster Heimatdichter Martha Müller-Grählert. Zingster Heimatheft Nr. 2. Zingst.Eiben-von Hertell, Jörg (1983): Lyrik. In: Gerhard Cordes/Dieter Möhn (Hgg.): Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter. Berlin, 412–435.
Schröder, Martin (2004): Neuniederdeutsche Literatur. In: Dieter Stellmacher (Hg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Hildesheim/Zürich/New York, 231–280.
Promotionsprojekte
Ulrike Stern: „Reuters ,Kein Hüsung’: von der Handschrift zur digitalen Edition“ (Arbeitstitel)
Betreuung: Prof. Dr. Doreen Brandt, Universität Oldenburg
Kurzabstract
Der Schriftsteller Fritz Reuter gilt als umfassend erforscht. Die Forschungsliteratur zu einem seiner wichtigsten Werke, derVerserzählung „Kein Hüsung“ aus dem Jahr 1857, ist allerdings überschaubar. Dabei hat dieses Werk sowohl im Gesamtschaffen Reuters also auch in der hoch- und niederdeutschen Literatur des 19. Jahrhunderts eine Sonderstellung inne. Aber auch im 20. und 21. Jahrhundert bleibt das Drama um Jehann und Marik relevant, wie sich in u.a. in einer Übersetzung in englische Sprache von Richard Trost, einer DEFA-Verfilmung 1954 mit einem Drehbuch von Ehm Welk, mehreren Hörspiel- und Theaterfassungen und nicht zuletzt in der Aufnahme des Werkes in den Rahmenplan Niederdeutsch Mecklenburg-Vorpommern für die Sekundarstufe I und die gymnasiale Oberstufe zeigt.
Bisher erschienene Schriften zu „Kein Hüsung“ nähern sich dem Werk vorrangig unter regional- oder kirchengeschichtlichen Gesichtspunkten oder im Hinblick auf Rezeption und Wirkung. Eine literaturwissenschaftliche Einordnung und umfassende Werkanalyse von „Kein Hüsung“ ist bisher ausgeblieben. Dieses Desiderat gilt es in der geplanten Dissertation zu füllen. Dabei kann auf die Kopie eines „Kein Hüsung“-Manuskriptes zurückgegriffen werden, das sich bis 2017 im Besitz der Fritz-Reuter-Altenheim-Gesellschaft in North Bergen, New Jersey (USA) befand. Der Verbleib des Originals ist derzeit unklar, nachdem das Fritz-Reuter-Altenheim 2017 an einen privaten Betreiber verkauft wurde.
Das Manuskript wurde bisher nur in drei Aufsätzen des amerikanischen Germanisten Heinz C. Christiansen beschrieben, die er im Umfeld von Reuters 100. Todestag 1974 und im Folgejahr veröffentlichte. Mit der geplanten Dissertation wird erstmalig eine umfassende Untersuchung der Handschrift vorgelegt werden. Dazu soll nach einer Transkription der Handschrift ein Vergleich mit der gedruckten Erstausgabe, erschienen 1857 bei Theodor Kunicke in Koch’s Verlagsbuchhandlung in Greifswald, und der zweiten, überarbeiteten Ausgabe (Hinstorff 1863) vorgenommen werden.
Die Kopie des Manuskriptes lässt Arbeitsschritte wie Streichungen und Umstellungen erkennen, darüber hinaus ist eine Progression bei der Benennung der unterschiedlichen Kapitel erkennbar. Von dem letzten Kapitel des Werkes sind unterschiedliche Versionen vorhanden, die sich zum Teil überschneiden. Diese Auffälligkeiten lassen vermuten, dass sich anhand des vorliegenden Manuskriptes Aussagen über den Entstehungsprozess von „Kein Hüsung“ treffen lassen. Ebenso wenig wie über diesen Prozess ist über den Entstehungszeitraum bekannt. Die Forschung geht bisher davon aus, dass Reuter, nachdem er über mehrere Jahre in unterschiedlichen Formen mit der Thematik in Berührung gekommen war, am 12. Oktober 1856 mit dem Versepos begonnen habe. Diese Annahme stützt sich auf einen Vermerk in der genannten Handschrift. Ob sie haltbar ist oder eine umfassende Untersuchung des Manuskriptes andere Erkenntnisse liefern kann, ist eine der Forschungsfragen der geplanten Dissertation. Daran anschließend ist zu klären, welchen Stand im Arbeitsprozess das Manuskript spiegelt. Es ist zu erwarten, dass sich im Zuge des Vergleichs weitere Fragestellungen ergeben, die zu einer Analyse des Werkes im Hinblick auf sprachliche Mittel, Figurenkonstellation und -ausgestaltung u. Ä. führen werden. Durch die Überarbeitungen, die Reuter für die 2. Auflage vornahm, werden auch Fragen der Orthografie in den Blickpunkt rücken, die Anknüpfungspunkte an aktuelle Diskussionen im Bereich der niederdeutschen Forschung bieten.
Studentische Abschlussarbeiten
Maxi Meißner (2024, WAA, LA Gym)
Digitalisierung stellt einen komplexen technologischen sowie kulturellen Wandel dar, der auch sprachliche Praktiken und die Kommunikation maßgeblich prägt. Wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass der Einfluss auf Regional- und Minderheitensprache dabei ambivalent ist: Während multiple Sprachlern- und -gebrauchsmöglichkeiten einerseits neue Verwendungskontexte und damit u.U. Spracherhalt ermöglichen, schränkt andererseits die weltweite Verwendung des Englischen als Lingua franca die Nutzung bedrohter Sprachen immer mehr ein. Die vorliegende Staatsexamensarbeit schreibt sich in dieses spannende und dynamische Forschungsfeld ein, indem sie anhand der App BEO die Lernmöglichkeiten als Teil digitaler Sprachrevitalisierungsansätze der Regionalsprache Niederdeutsch analysiert. Frau Meißner formuliert als ihr Untersuchungsziel, den „Spracherwerb einer Regionalsprache durch ein digitales Medium“ zu untersuchen und entwirft Untersuchungsfragen, die Progression und unterschiedliche Aufgabenformate adressieren. Damit liefert sie eine Metaanalyse didaktischen Materials in theoretischer Hinsicht. Die Analyse der Aufgabentypen und der Progression bildet den Kern der empirischen Arbeit und stellt die Befunde systematisch nach den drei Aspekten „Aufgabentypen“; „Progression der Aufgaben“ und „Lexik- und Grammatikerwerb“ geordnet dar. Mit dieser phänomenbasierten Analyse- und mithin Kapitelstruktur gelingt es Frau Meißner, relevante Aspekte des Untersuchungsgegenstandes und ihre Untersuchungsziele gleichermaßen zu fokussieren. Die Befunde werden analytisch klar unterschieden sowie äußerst systematisch und differenziert dargestellt. Der Vergleich mit einer idealen Progression erweist sich als hilfreich und stellt eine besonders gelungene methodische Lösung für das komplexe Untersuchungsziel dar. Die in der Zusammenfassung postulierten sprachstrukturellen Ähnlichkeiten zwischen Standarddeutsch als L1 der User*innen und Niederdeutsch als L2 zur Erklärung für Abweichungen von der linearen Progression (Aufgaben mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad in frühen Lektionen) überzeugen. Frau Meißner kann zeigen, dass die Progression der Aufgabenformate den Spracherwerb unterstützen kann.
Lucas Jabke (2025, WAA, LA Gym)
Durch die maßgeblich in den letzten 20 Jahren zunehmende institutionelle Vermittlung der Regionalsprache Niederdeutsch ist die Niederdeutsche Philologie vor zahlreiche Aufgaben gestellt. Die sich im Zuge dessen etablierende Teildisziplin der Niederdeutschdidaktik widmet sich Fragen der gesteuerten Sprach- und Literaturvermittlung im Spannungsfeld von Deutsch- und Fremdsprachdidaktik, ohne die jeweiligen Ansätze affirmativ zu übernehmen. Von besonderer Relevanz ist die Erstellung und zugleich Prüfung didaktischer Lehr- und Lernmittel auf wissenschaftlicher Grundlage. In den letztgenannten Forschungsbereich schreibt sich die vorliegende Staatsexamensarbeit ein, indem sie die Unterrichtshandreichung des KND (2024) zur Erarbeitung der Ganzschrift „Kein Hüsung“ (1857) von Fritz Reuter, die Teil des Rahmenplans Niederdeutsch (2017) in Mecklenburg-Vorpommern ist, hinsichtlich Progression und Kompetenzentwicklung systematisch untersucht. Damit liefert sie eine Metaanalyse didaktischen Materials in theoretischer Hinsicht. Die Analyse der Unterrichtshandreichung bildet den Kern der empirischen Arbeit und stellt die Befunde systematisch nach den vier Aspekten „Grob- und Feinziele“, „Aufgaben und Aufgabenformate“, „Kompetenzentwicklung“ und „Progression“ geordnet dar. Mit dieser Analyse- und mithin Kapitelstruktur, die die Analyse der Progression als Synthese erfasst, gelingt es der Arbeit, die relevanten Aspekte des Untersuchungsgegenstandes und die Untersuchungsziele gleichermaßen zu fokussieren. Die Befunde werden analytisch klar unterschieden sowie äußerst systematisch und visuell ansprechend durch Nutzung mehrfarbiger Grafiken dargestellt. Die gesamten Analysen kennzeichnet eine klar erkennbare Prozessorientierung, wie sie für Progressionsanalysen unbedingt notwendig ist. Die Arbeit konnte zeigen, dass die Handreichung auf übergeordneter Ebene in Bezug auf Zielgruppenadäquatheit und Realisierbarkeit überwiegend positiv zu bewerten ist.
Paul Göhrke (2026, WAA, LA GS)
Niederdeutsch genießt in Mecklenburg-Vorpommern durch die Landesverfassung, das Schulgesetz und die Europäische Sprachencharta einen besonderen rechtlichen Schutzstatus, der die Schulen zur Pflege und Förderung der Regionalsprache verpflichtet. Wie sich diese bildungspolitischen Vorgaben tatsächlich im Grundschulalltag niederschlagen, war bislang kaum aktuell untersucht – die letzte vergleichbare Erhebung stammt aus dem Jahr 2003. Dieser Forschungslücke widmet sich die vorliegende Staatsexamensarbeit, indem sie eine landesweite Online-Befragung aller öffentlichen Grundschulen konzipiert, durchführt und die Ergebnisse systematisch mit der historischen Erhebung von 2003 vergleicht. Das Kapitel „Ergebnisse und vergleichende Analyse“ bildet den Kern der Arbeit und stellt die Befunde entlang der Aspekte Verbreitung, Angebotsformen, personelle Ressourcen, Fortbildung sowie Stellenwert des Niederdeutschen strukturiert dar. Mit dieser Verknüpfung von quantitativer Bestandsaufnahme und historischem Vergleich gelingt es der Arbeit, Entwicklungstendenzen über mehr als zwei Jahrzehnte sichtbar zu machen. Die Arbeit erbringt drei zentrale Befunde: Erstens zeigt sich ein deutlicher Rückgang der schulischen Präsenz des Niederdeutschen – während 2003 gut die Hälfte der befragten Schulen ein Angebot vorhielt, sind es 2026 nur noch etwa ein Viertel. Zweitens hat sich die Angebotsform gewandelt: Statt regulärer Unterrichtseinbindung dominieren heute freiwillige Arbeitsgemeinschaften außerhalb des Kernunterrichts. Drittens erweist sich die schulische Umsetzung als stark personengebunden, da Angebote häufig mit dem Ausscheiden einzelner sprachkompetenter Lehrkräfte enden. Auf dieser Grundlage entwickelt die Arbeit praxisnahe Handlungsempfehlungen für eine niedrigschwellige, fächerübergreifende Verankerung des Niederdeutschen im Grundschulunterricht.
Hannah Pauline Jakobi (2026, WAA, LA GS)
Kinder in deutschen Klassenräumen bringen zunehmend vielfältige sprachliche Voraussetzungen mit und auch die Regionalsprache Niederdeutsch soll für alle fächerübergreifend integriert werden. Die bildungspolitische Forderung besteht, im Schulalltag aber wird die Sprache selten systematisch in bestehende Fächer integriert, da vielen Lehrkräften eigene Sprachkenntnisse und geeignetes Material fehlen. Dieser Forschungslücke widmet sich die vorliegende Staatsexamensarbeit, indem sie die am Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik (KND) entwickelte Mehrsprachige Lernumgebung (MLU) „In’n Busch" in einer explorativen Fallstudie mit sechs Grundschulkindern im Sachunterricht erprobt. Im Zentrum der Untersuchung steht die Verbindung von teilnehmender Beobachtung, Arbeitsblattauswertung und einem Schülerfragebogen im Prä-Post-Design, wodurch sprachliche und fachliche Lernprozesse aus mehreren Perspektiven zugleich erfasst werden. Mittels dieser Strategie gelingt es der Arbeit, sowohl Veränderungen im Sprachbewusstsein und Sprachverständnis der Kinder als auch deren Umgang mit fachlichen Zuordnungsaufgaben nachvollziehbar darzustellen. Die Arbeit erbringt drei zentrale Befunde: Erstens zeigt sich bei allen Kindern ein durchgehend positives und stabiles Interesse an der niederdeutschen Sprache sowie ein gestiegenes Sprachbewusstsein nach Beschäftigung mit dieser – unabhängig von etwaigen Vorerfahrungen. Zweitens wird deutlich, dass die fachlichen Inhalte des Sachunterrichts durch die Einbindung des Niederdeutschen nicht beeinträchtigt werden; die Kinder lösen die sachunterrichtlichen Zuordnungsaufgaben zu Lebensräumen im Wald überwiegend korrekt. Drittens bleibt der Aufbau eines aktiv verfügbaren Wortschatzes, trotz erster Behaltensleistungen in der kurzen Untersuchungszeit, begrenzt und erfordert eine wiederholte, kontinuierliche Einbindung. Die Arbeit liefert damit erste empirische Hinweise darauf, dass die MLU Lehrkräften einen niedrigschwelligen Zugang zur fächerübergreifenden Niederdeutschvermittlung bieten kann.
Leonie Nabein (2026, WAA, LA GS)
Niederdeutsch ist rechtlich und curricular fest im schulischen Unterricht der norddeutschen Bundesländer verankert – von den Rahmenplänen über das Landesprogramm Mecklenburg-Vorpommerns bis zur Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen. Trotz dieser Verpflichtung zeigt sich in der Unterrichtspraxis, etwa in gängigen Deutschlehrwerken, dass die Sprache kaum und wenn, dann nur in geringem Umfang vertreten ist. Dieser Lücke zwischen normativem Anspruch und praktischer Umsetzung widmet sich die vorliegende Staatsexamensarbeit, indem sie am Beispiel des im Rahmenplan verankerten Themas „Märchen" eine Unterrichtseinheit für die zweite Klasse konzipiert und die niederdeutsche Sprache in den regulären Deutschunterricht integriert.
Auf Grundlage der theoretischen Auseinandersetzung mit Märchenmerkmalen und -funktionen, der funktional-kommunikativen Kompetenz (Rahmenplan Grundschule Fremdsprachen) sowie fünf didaktischer Prinzipien (multisensorisches Lernen, Visualisierung, Rituale, Handlungs- und Kompetenzorientierung) entwickelt die Arbeit die sechsstündige Unterrichtsreihe „Reise durch den Märchenwald", die den Fokus auf die Kompetenzen Lesen und Sprechen legt. Den Kern der praktischen Umsetzung bilden drei aufeinander aufbauende, mehrfach differenzierte Materialien: der Legestern zur Wortschatzfestigung, die Lesespur zur Anwendung der Lesekompetenz sowie das Aufsteh-Theater zur produktiven Sprachproduktion. Jedes Material wird hinsichtlich seiner didaktischen Einordnung, der Kompetenzförderung, der Verknüpfung zum multisensorischen Lernen und zur Visualisierung sowie seiner Differenzierungsmöglichkeiten detailliert analysiert.
Die Arbeit zeigt, dass sich die niederdeutsche Sprache ritualisiert wie punktuell mit vergleichsweise geringem Aufwand in bestehende, curricular vorgesehene Themen integrieren lässt und dabei gleichzeitig die sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert werden können. Die entstandenen, vielfach differenzierten Materialien bieten Lehrkräften ein direkt einsetzbares Repertoire für die praktische Umsetzung im Unterricht.
Charlotte Paul (2026, WAA, LA Reg)
Die pommersche Autorin Martha Müller-Grählert (1876–1939) wäre 2026 150 Jahre alt geworden. Ihre Werke bilden einen wichtigen Baustein der niederdeutschen Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts und werden in den curricularen Vorgaben und Rahmenplänen zur Niederdeutschvermittlung wiederholt erwähnt. Im Gegensatz zu dieser Geltung steht der veraltete und rudimentäre wissenschaftliche Forschungsstand zur Autorin und ihrer Werke, der eine schulisch notwendige literarhistorische Einordnung kaum ermöglicht. Dieser Forschungslücke widmet sich die vorliegende Staatsexamensarbeit, indem sie auf Basis von umfangreichen Archiv-, Akten- und Datenbankrecherchen das literarische Œvre in Form eines systematischen Werkverzeichnisses erfasst und dessen unterrichtliche Relevanz darstellt. Das Kapitel „Analyse des Werkverzeichnisses“ bildet den Kern der Arbeit und stellt die Befunde systematisch nach den vier Kriterien (1) Publikationskontexte, (2) Sprachverteilung, (3) Gattung und (4) zeitliche Entwicklung geordnet dar. Mit dieser Analyse- und mithin Kapitelstruktur, die Einzelbefunde konsequent zum Gesamtwerk in Beziehung setzt, gelingt es der Arbeit, das komplexe Gesamtwerk Martha Müller-Grählerts sortiert zu erfassen. Die Arbeit erbringt drei zentrale Befunde. Sie zeigt erstens, dass das Gesamtwerk inhaltlich und formal weitaus vielfältiger ist als angenommen und der Titel „Heimatdichterin“ nur unzureichend das literarische Schaffen beschreibt, wenngleich ein deutlicher Schwerpunkt in der Lyrik zu sehen ist. Zweitens erfolgten die Veröffentlichungen maßgeblich in Zeitschriften und Zeitungen – für das beginnende 20. Jh. durchaus typisch – und damit einem potenziell flüchtigen Medium, was die wissenschaftliche Analyse zunehmend erschwert. Drittens offenbart die chronologisch Phasierung ihres Schaffens zwei Hochphasen: 1. Berlin (1905–1911) und 2. Königsberg & Zingst (1923–1929). Die Arbeit liefert eine gute Grundlage für weitere literarhistorische Untersuchungen.