Unterrichtsidee zu „Fru Einsåmkeit“
(Sekundarstufe)
Die Materialien verstehen sich als Anregung. Die Lehrkraft entscheidet selbst, ob sie eine oder mehrere Stunden für das Gedicht verwendet, ob sie die gesprochene oder gesungene Audiodatei wählt und welches Material sie nutzen möchte.
Mögliche Unterrichtsziele:
- Die SuS erfahren einen assoziativen Zugang zu Lyrik, indem sie das Gedicht klanglich und visuell erfahren und umsetzen.
- Die SuS trainieren ihre Lesekompetenz, indem sie das Gedicht lesen und analysieren.
- Die SuS trainieren ihre Sprachkompetenz, indem sie je eine der Gedichtstrophen mehrschrittig lesen und besprechen.

Gedicht, eingesprochen von Petra Schwaan-Nandke
Song, gesungen von Seeside und Valentina Wergow
Sachanalyse
Über das Gedicht
Das Gedicht ist in vorpommerschem Niederdeutsch verfasst und es erschien erstmals 1926 in der Beilage Unsere Heimat des Barther Tageblattes. Es stammt somit aus der zweiten Hochphase (Königsberg, Zingst). Als nicht unumstrittene Anekdote wird berichtet, dass das Gedicht bei ihrem Tod 1939 in ihrer Handtasche gefunden wurde. (Vgl. Arlt 2023; Rat der Gemeinde Zingst und der Fachgruppe Heimatgeschichte Zingst im Kulturbund der DDR (1983). Eine weitere Publikation erfolgt in der Pommerschen Zeitung (1939).
Thematisch wird eine Begegnung mit der Einsamkeit beschrieben, wobei die Strophen sich ihr zunehmend annähern. Während die erste Strophe einen schaurigen Ort beschreibt, fokussiert die zweite Strophe die metaphorisierte Einsamkeit als magisch-düstere Figur (sie ist also schon klar sichtbar) und in der dritten Strophe wird die bedrückende Begegnung des lyrischen Ichs mit der Einsamkeit beschrieben. Der Titel Fru Einsåmkeit benennt ein Gefühl des Alleinseins und der sozialen Isolation und rahmt es durch die Personifikation zur Frau als weiblich. Struktur: Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils sieben Versen, die paarig gereimt sind, wobei der jeweils letzte Vers einen weiteren, dritten Reim – wie ein Echo – ergänzt. Das Versmaß ist meist jambisch (vierhebig) mit überwiegend männlichen Kadenzen. Als besonderes Stilmittel ist die Personifikation der Einsamkeit als Frau im Gedichtinhalt, Titel und maßgeblich in der zweiten Strophe auffällig. Darüber hinaus werden auch Naturerscheinungen verbal durch Metaphern personifiziert (z.B. V. 2 Un de Wellen eintönig kåmen un gåhn; V. 2 Wo de Wind in’t Strandgras huult un quarrt; V. 5 Wo de Tiet keine Spuren trecken deit). Die jeweils letzte Zeile der Strophen wird als Epipher refrainartig nahezu identisch wiederholt und ist alleinstehend. Somit wird die Isolation auch über die räumliche Anordnung der Verse visualisiert. Als Anadiplose wird der Beginn der letzten Zeile von Strophe eins am Beginn der zweiten Strophe wiederholt (V. 6 & 8: Dor wåhnt). Auch innerhalb der Verse haben wir zahlreiche Wiederholungen, meist gleicher Wortart wie in der ersten Strophe in V. 2, 3 und 4 die Verben.
Umsetzung im Unterricht
VOR

Beim Hören des Songs zeichnen die SuS eine Linie, in der sie ihre Emotionen darstellen. Ziel ist nicht das Textverstehen, sondern ein spontaner, assoziativer und individueller Zugriff. Dabei wird die Hand intuitiv zur Musik über das Papier geführt, wodurch gerade, gebogene, steigende oder auch eckige Linien entstehen, die Rhythmus, Lautstärke und Stimmung ausdrücken (Klang-EKG).
Die Ergebnisse können im Galeriegang oder im Gespräch präsentiert werden.
Hinweis: Der Songs ist mit 4:40 relativ lang. Es ist also auch möglich, die erste Strophe als Einstieg zu nutzen, Strophe 2 zu malen und Strophe 3 als Ausklang stehen zu lassen. Zum Thema Musikmalen gibt es unterschiedlich umfangreiche Ansätze für alle Altersstufen. Siehe z.B. Klett-Verlag (KiTa), Projekt Musikalische Grundschule Hessen (Grundschule), Kunstlabor von Reinhard von Tümpling (weiterführende Schule).
Im Unterrichtsgespräch lenkt die Lehrkraft den Fokus auf inhaltliche Aspekte des Textes und das Kernthema „Einsamkeit“. Mit Hilfe des AB1 ordnen die SuS diesem Gefühl bestimmte Adjektive zu (Einzelarbeit).
WÄHREND
Die SuS hören die Sprachaufnahme des Gedichtes und lesen dabei den Text mit. Sie beantworten pro Strophe die orientierenden Fragen: Wer spricht? Wo? Was wird beschrieben? (AB2)
Im Anschluss finden sie Überschriften zu den Strophen.
Die SuS ergänzen die Wortliste auf AB1 mit Beispielen aus dem Gedicht.
Bei dem Konzept der Gedankenhöhle geht es um Zeit zum individuellen Erfahren des Gedichtes & zum Reflektieren. Die SuS suchen sich dafür einen ruhigen Ort und beschäftigen sich individuell mit dem Gedicht. Sie nehmen ihre Gedanken z.B. mit dem eigenen Handy auf. Durch das wiederholte Einsprechen und Abhören niederdeutscher Texte vertiefen die SuS ihr Sprach- und Textverständnis sowie die Qualität ihrer eigenen Texte.
Die Aufgabe kann sowohl mit dem vollständigen Gedicht oder mit einzelnen Strophen durchgeführt werden. Im folgenden Beispiel wählen die SuS eine Strophe und lösen dann jeweils die weiterführende Aufgabe zu dieser Strophe. In diesem Fall ist eine Auswertung in Gruppen möglich (Expertenpuzzle).
1. Wähle eine Strophe aus, schreibe sie ab und lies sie für dich laut (Murmelphase). Mache eine Aufnahme davon.
2. Höre dir die Aufnahme deiner Strophe an und bearbeite die jeweilige Aufgabe.
- Strophe 1: Beschreibe den Ort in Strophe 1 mit eigenen Worten auf Niederdeutsch. Wie fühlt es sich für dich an, an diesem Ort zu sein? Nimm deine Gedanken auf. Höre dir deine beiden Aufnahmen anschließend noch einmal an und ergänze deine Ortsbeschreibung. Nimm die neue Ortsbeschreibung noch einmal auf.
- Strophe 2: Benenne auf Niederdeutsch die Bilder und Metaphern in Strophe 2, durch die die Einsamkeit hier personifiziert wird. Beschreibe deren Wirkung und deute sie für dich aus. Nimm deine Gedanken auf. Höre dir deine beiden Aufnahmen anschließend noch einmal an und ergänze deinen eigenen Text. Nimm den Text noch einmal auf.
- Strophe 3: Beschreibe auf Niederdeutsch die Begegnung des lyrischen Ichs mit „Fru Einsåmkeit“. Orientierende Frage: Wie läuft das ab? Was geschieht mit den beiden? Wie würdest du dich an Stelle des lyrischen Ichs fühlen? Nimm deine Gedanken auf. Höre dir deine beiden Aufnahmen anschließend noch einmal an und ergänze deinen eigenen Text. Nimm den Text noch einmal auf.
Mehr Informationen zum Konzept „Gedankenhöhle“: Kruse, Iris (2025): Gedankenhöhlen als literaturbezogene Sprachnachrichten. Ein Lehr-Lern-Verfahren für sprachliches und literarisches Lernen. Springer-Verlag.
NACH
Setze (d)eine Strophe künstlerisch um.
Wahlmöglichkeiten:
1. Gestalte ein plattdeutsches Wort aus dem Gedicht als Bild (z.B. Spennwäben, Fleddermusflüchten, Ogen …).
2. Male „Fru Einsåmkeit“/erstelle eine Collage. Als Grundlage können das Text-AB, das eigene Klang-EKG oder die Illustration von S. Wunder dienen.
3. Schreibe die Strophe ab. Nutze asemische Schrift. Für mehr Informationen siehe z.B. Blog Antje Schötzel „Kunst und Visual Journaling“
Präsentiere deine Umsetzung und lies die Strophe dabei laut vor oder verwende deine Sprachaufnahme.
Als weitere Möglichkeit können Bilder berühmter Maler herangezogen werden, z.B.
- Toteninsel von Arnold Böcklin
- Mönch am Meer von Caspar David Friedrich
- Pose, Einsamkeit oder Der Schwindel von Leon Spilliaert
- Todestag von Carlos Schwabe
Das Gedicht wurde von einer Frau verfasst und auch von Frauen eingesprochen bzw. eingesungen. Als Gedankenexperiment könnte hier auch eine männliche oder genderneutrale Perspektive eingenommen werden.
Aufgabe: Reflektiere die weibliche Perspektive des Gedichtes und mögliche Änderungen der sprachlichen Bilder bei einem „Herrn Einsamkeit“.
Dateidownload
Arbeitsblätter
Weiterführende Materialien/Links
- Gedichtversion mit Mouseover-Übersetzung auf niederdeutsche-literatur.de
- Klett-Verlag (Musikmalen in der KiTa)
- Projekt Musikalische Grundschule Hessen (Musikmalen in der Grundschule)
- Kunstlabor von Reinhard von Tümpling (Musikmalen in der weiterführende Schule)
- Blog Antje Schötzel „Kunst und Visual Journaling“ (asemische Schrift)